Warum wir unsere Götter opfern

Prolog

Ich sah mir letzte Woche ein Video an, ein Video einer Preisverleihung der Uefa und da sah ich einen Fusßballspieler, den ich in meiner Erinnerung noch vor einigen Monaten top fit auf einem Fussballplatz umher laufen sehen habe. Doch nun war er fett. Also schaute ich, ob es sein konnte, das meine Erinnerung mich täuscht und dieser Mann vielleicht schon wesentliche länger in Rente war, aber nein, es war erst ein halbes Jahr. Ihm genügte eines halbes Jahr zu verfetten.

Was ist der Grund, warum ich das schreibe? Will ich sagen: Fettsäcke sind ekelhaft? Nein, ich schreibe es, weil ich zeigen will, wie Menschen, die wir auf ein Podest heben und verklären auch nur Menschen sind, die sich nach guten Gefühlen sehnen und daran scheitern.

 

Unser Sternchen: angebetet und allein

Michael Jackson, Marylin Monroe, Britney Spears, Jan Ullrich oder zuletzt auch Justin Bieber sind Beispiele dafür, welche fatale Folgen es für einen Menschen haben kann, als Götze der gelangweilten Masse zu dienen, ihrer Unterhaltung und ihrer Suche nach Sinn. So werden diese Menschen von Klein auf in einer Blase groß, wie vielleicht Könige, in der sie eine andere, eine Scheinwelt erleben, die ihnen scheinbar alles ermöglicht und gerade dadurch das Wichtigste nimmt, was man als Mensch braucht, Gemeinschaft, Teil von etwas zu sein, von anderen Menschen. So schweben diese Menschen, unfähig einfachste Dinge zu tun, weil ihnen alles von Dienern abgenommen wir, auf ihrer Wolke und sind im Grunde verloren, besonders dann, wenn sie niemand mehr anbetet, und bedient, weil sie aus der Mode gekommen sind, was sie nicht selten auf Medikamente zurückgreifen lässt, oder eben auch auch auf Essen, im Grunde nicht anders, als bei uns “normalen” Menschen.

Pop-Religion 

Aber wir brauchen diese Menschen? Denn, wo wären wir ohne diese Menschen, deren Poster wir anbeten, deren Events wir entgegenfiebern, wie einst einem religiösen Fest, deren Existenz unserer eigenen oft erst einen Sinn zu geben scheint. Sie sind die Träger unserer Religion, man könnte geneigt sein von Ersatzreligion zu sprechen, aber können Religionen überhaupt einen Ersatz haben, oder sind Religionen nicht per se absolutistisch, denn sie sind ein Glauben. Und unsere Popkultur-Religion ist der Nachfahre des Monotheismus, sofern wir eine einzelne Person zu unserem Lebensmittelpunkt erklären: Michael Jackson oder Ronaldo z.B. 

Mit dem Polytheismus 2.0 haben alle Menschen Zugriff auf große und kleine Götter, seien es mythologische Filmfiguren oder Youtube-Influencer die entsprechende Ideale repräsentieren. Der Drang im Menschen selbst zur Gottheit aufzusteigen, sich zu den Reihen des Polytheismus zu gesellen, ist groß und fordert oftmals nur einen Preis: Sich regelmäßig den aktuellen Trends unterwerfen und nicht das tun, was man selbst so gerne tun würde, sondern wonach die Fans dürsten, was sie einem abverlangen, was grad Hype ist.

Wer sich den Traum erfüllen will, eine Hollywood oder Youtube-Gottheit zu werden, muss ständig präsent und aktiv sein, ständig die Wünsche des Publikums erfüllen, ja sie sogar mit wahnwitzigen Ideen überraschen. Hier zählt jeder einzelne Klick. Das führt bei einigen Influencern und Künstlern zu einem Burnout, denn kein Mensch ist von Natur aus jeden Tag die Stimmungskanone. Doch leider gehört das zum Geschäft. Die gelangweilten Massen wollen Unterhaltung und unsere Götter liefern sie uns.

Justin Bieber hat in diesem Instagram Post gut zusammengefasst, wie eine Depression trotz Ruhm, Reichtum und alles was man sich wünscht (bzw. was einem beigebracht wird zu wünschen  😉 ) entsteht und sich auf seine Umwelt auswirkt.

Helden-Religion 

Andererseits haben sich mit dem Marvel Universum auch Religionen entwickelt, die man als polytheistisch bezeichnen könnte. Nur das wir wissen, dass die Helden ausgedacht sind – die meisten zumindest. Es überfordert sie nicht, zu unseren Göttern erklärt zu werden, denn sie existieren nicht. Sie dienen uns lediglich als Mythos, Archetyp unseres Geistes, der uns Hoffnung spenden und Halt in einer unsicheren, zweifelhaften Welt geben soll. Wie der französische Dichter Stendhal einst sagte: “Die einzige Entschuldigung Gottes ist, das er nicht existiert”. Und genau das könnte man als die Stärke unserer Götter betrachten: ihre Nichtexistenz. Nichtexistente Wesen, können nicht scheitern oder Schwäche zeigen.

Alle real existierenden Menschen hingegen, die zu Göttern verklärt werden, können unter dieser Last zusammenbrechen und müssen das auch tun, sofern sie nicht völlig größenwahnsinnig und psychotisch sind, wobei sie damit wieder ein anderes Problem hätten, das sie zerbrechen lassen könnte. 

Neue Götter braucht das Land 

Sofern wir einzelne Personen auf Kosten unserer eigenen Stabilität nicht verklären und zerstören wollen, müssen wir uns imaginäre Götter suchen, denen unser Hang zur Personifizierung von inneren Glaubensbekenntnissen und der Suche nach Übermenschlichen nichts anhaben kann – weil, sie nicht existieren, andernfalls nehmen wir das Leiden einiger weniger in Kauf, um unserem Götterkult zu frönen.

Letztendlich verfallen wir unseren neuen Göttern schnell und hilflos, wenn es uns nicht gelingt, unsere Glaubensätze zu hinterfragen und den Menschen hinter der Göttermaske zu erkennen.

Epilog

Oh‘ Tanzverbot auf Youtube
Auf der Welle des nächsten Hype
Like and subscribe
Dein Regenbogen Glas komme,
Deine Welt vergehe,
Wie auch der Rest der Menschengötter vergehen wird,
Unser nächstes Lol gibt uns das nächste abgefuckte katzenvideo
Und deine follower werden dich vergessen
Wie du eins vergessen warst
Nur wirst du dann wissen
Wie es ist, am Nippel des göttlichen Ruhms genippt zu haben.
Und dein Leben ist so kacke wie zuvor
Nur wirst du es diesmal selbst wissenDenn wir sind vergesslich,
Vergnügungsüchtig,
und brutal beleidigend.
Es lebe die Anonymität
Ihr Hurensöhne und Hurensöhninnen.
FICKT Euch Alle

 

 

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